Gymnasium Isny, Rainstraße 27, 88316 Isny im Allgäu, +49 (0)7562 97565 - 0, +49 (0)7562 97565 - 29, poststelle(at)gym-isny.schule.bwl.de

LEHRZEICHEN: Emotionale Partizi – Warte, lustige Katzenvideos?

Social Media bringt Probleme mit sich, das weiß inzwischen jeder. – Ein Thema, das wahrscheinlich schon tot diskutiert wurde und trotzdem keinerlei erkenntnisreichen Fortschritt erlebt hat. Wie so vieles.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass Social Media eine Fülle an verschiedenen Problemen mit sich bringt, die es diesem Artikel unmöglich macht, mehr als einen kleinen Ausschnitt davon zu thematisieren.

Denn auf Social Media hat jeder den Drang, etwas zu allem zu sagen. […“]

Um das zu zeigen, nehme man einfach einen beliebigen moralischen Skandal, mache einen bekannten Meinungsblogger auf Youtube darauf aufmerksam und lasse das Projekt einige Tage ruhen. Man wird merken, nach diesen einigen Tagen sind auf einmal weitere fünf Videos zum gleichen Thema entstanden und das, ohne die zahlreichen Reactions1 und Reactionreactions mitzuzählen. Und unter diesen vielen, vielen Videos –  die sich inhaltlich aber kaum mehr unterscheiden als die abgeschriebenen und etwas umformulierten Hausaufgaben – finden sich noch viel viel mehr Kommentare, die natürlich alle die Problematik erkennen und die allgemein vertretene Meinung teilen. 

Wer jetzt aber denkt, diese massive Aufmerksamkeit würde dazu beitragen, Strukturen zu verändern, Menschen in ihrem Konsum zu verändern, allgemein irgendwas zu verändern, der täuscht sich leider. Denn Social Media ist schnelllebig, das beweisen nicht zuletzt TikTok2, Instagram Reels3 und Youtube shorts4. Und Social Media ist vielfältig, vollgestopft mit einer unendlichen Masse an Inhalten. Nach dem einen Kritikvideo folgt direkt das nächste und während man anschließend auf TikTok hängt, hat man sowieso vergessen, worin es in all den Videos überhaupt ging. Wäre das ein Problem einer einzigen Person, wäre es wohl halb so schlimm, aber Social Media scheint kollektiv Inhalte zu vergessen. Ist ein Thema mal ausdiskutiert worden, hat man sich also einmal auf eine kollektive Meinung geeinigt, dann wird diese Meinung zu den Akten gelegt und das ganze Thema damit in den Schredder gepackt. Ob diese Meinung auch langfristiger, vor allem praktischer umgesetzter Lösungsstrategien bedarft hätte, das wird nicht beachtet. Man hat sich ja damit auseinandergesetzt – ist das nicht schon mehr, als man erwarten kann? Schließlich gibt es ja auch so viele Probleme, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Da muss es wohl reichen, wenn man einmal seine emotionale Partizipation in den Kommentaren da lässt und dann weiterlebt. – Bleibt einem nur zu hoffen, emotionale Partizipation löse die Probleme unserer Zeit.

 

Apropos emotionale Partizipation: Influencer können auch schnell mal als Freunde wahrgenommen werden. Klingt nach einer steilen These und vor allem irrelevant, ist es aber beides nicht: Wer seine Lieblingsyoutuber regelmäßig schaut, der verbringt viel Zeit mit ihnen. Und mit dieser Zeit hat man – namentlich in erster Linie Kinder und Jugendliche – dann das Gefühl, sie zu kennen. Man entwickelt Insider, lacht über die gleichen Witze und freut sich, wenn ein neues Video online kommt. Meinungsblogger sind Influencer und für sie gilt genau das gleiche. Und macht es nicht einen Unterschied, ob ein Freund dich von seiner Meinung überzeugen möchte oder ob es ein völlig Fremder tut? Meinungsfreiheit ist wichtig und Social Media ist ein guter Platz dafür, keine Frage. Aber irgendwie fehlt die Begründung, warum bestimmte Personen – am besten ohne journalistischer Hintergrund – die Macht haben, die Meinung so vieler Menschen zu beeinflussen. Vor allem, wenn das, was sie sagen undemokratisch, rassistisch, sexistisch, antisemitisch, transfeindlich, homophob oder in sonst einer Form verfassungsfeindlich ist. Denn in solchen Fällen reicht die emotionale Partizipation schon aus, um daraus ein Problem zu machen.

 

1 Reactions sindVideos von Influencern, in denen sie auf die Videos von anderen Influencern reagieren.

2 Eine Plattform, auf der Kurzvideos von maximal einer Minute hochgeladen werden

3 Die Funktion, die Instagram hinzugefügt hat, als man merkte, dass TikTok sehr gut funktioniert: eine Möglichkeit, TikTok-Videos auf Instagram zu recyceln

4 Die Funktion, die Youtube hinzugefügt hat, als man merkte, dass man etwas hinter TikTok und Instagram herhinkt: eine Möglichkeit, TikTok-Videos und Instagram Reels auf Youtube zu recyceln