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Deutsch – Langklausur (Klasse 11)

Back to the present: Eine Begegnung mit Faust

Du zauderst zu ihr zu gehen!

Du fürchtest sie wieder zu sehen! (V. 4409f) 1

 Ich schlage die dritte Deutschklausur auf – Wer will mich wieder plagen? (V. 1530) – Faust. Seine Gedanken werden meine, meine Existenzkrise das Spiegelbild seiner. Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust. Die eine will sich von der andern trennen. Die eine hält, in derber Liebeslust, sich an den Wintersporttag mit klammernden Organen; die andere hebt gewaltsam sich vom Dust zu Gefilden hoher Ahnen. (V. 1112-1117)

 Mein Blick schweift durchs Klassenzimmer. Vor und hinter mir sitzen Schüler: Marathonschreiber, Träumer, Planlose und Vielfraße. Der Raum ist erfüllt vom Geraschel der Papiertüten, verzweifelten Seufzern, Geknusper von Chips und anderem Essen, das sich in  riesigen Stapeln neben Mäppchen, Büchern und Papierbögen schichtete; jedes kleinste Geräusch ist ein Störfaktor. Vor uns thronend und über uns wachend: die Lehrer. Ihrer Aufgabe, uns vom Schummeln jeglicher Art abzuhalten, gehen sie mit vollem Engagement nach, meist beschäftigt mit anderweitiger Lektüre, Laptop, Smartphone, Tablet oder dem ständigen Lüften der Räume. Weh! steck ich in dem Kerker noch? Verfluchtes dumpfes Mauerloch! (V. 398f) O gibt es Geister in der Luft, Die zwischen Erd und Himmel herrschend weben, So steigt nieder aus dem miefigen Duft Und führt mich weg, zu neuem bunten Leben! (V. 1118-1121) Auf dem Stuhl für sechs Schulstunden gefangen und körperlich abgeschieden von der Außenwelt, schweifen die Gedanken zu den glücklichen Schülern, die den Wintersporttag anderweitig erleben dürfen. Aber da fällt mir ein: die Toilette ruft. Ich stehe auf; der Drang in mir ist zu stark. Aus dem Klassenzimmer stürmend wird mir Grausames bewusst: Nicht nur ich bin dem Ruf gefolgt. Doch meine Not ist zu groß! Ich möchte mich gleich dem Teufel übergeben! (V. 2809f) Ich sprinte an all ihnen vorbei den Flur entlang, während die verzweifelten Referendare versuchen mich zurückzuhalten. Aber es ist zu spät; sie haben keine Gewalt mehr über mich (Vgl. V. 2626), denn ich habe die Toilette schon erreicht. Die nächstbeste Kabinentür aufreißend erblicke ich auf einmal etwas Unerwartetes: Doktor Heinrich Faust in Fleisch und Blut, vertieft in das gleichnamige Drama. Er bemerkt mich nicht. Heinrich! Mir graut‘s vor dir. (V. 4610) ruft er verzweifelt und schlägt das Buch mit einem Knall zu. Plötzlich hebt er seinen Kopf und schaut mir in die Augen. Lass das, mein Kind! (V. 3418) Es sind die letzten Worte, die er an mich richtet, bevor er die Klotür vor meiner Nase zuschlägt.

Vor Schreck stolpere ich zurück, falle hin. Trotz meines Versuches kann ich nicht verarbeiten, was gerade vor mir geschah. Was will der an dem heiligen Ort? (V. 4603)

Immer noch leicht benommen und verwirrt taste ich mir meinen Weg zurück auf den Gang. So seh ich wahrlich ein Theater. Seht da kommt der Dudelsack! Es ist die Seifenblase. (V. 4255f) Ich bin beunruhigt, dränge mich nach der Normalität des Klassenzimmers. Der Gang streckt sich ins Unendliche, mir bleibt kein Weg zu meinem Ziel. Während ich versuche das Ende des Gangs zu erreichen, werde ich von verschiedensten Gestalten zurückgehalten: Madrigal-, Blank- und Knittelvers versuchen meine Beine zu fesseln während Metaphern, Antithesen und Oxymorone auf mich einreden. Melancholie, Schuld, das Gelehrtentum und der Geist der Aufklärung kommen mir zur Hilfe, um mich von den Fesseln der sprachlichen Mittel zu befreien. Meine Verzweiflung ist so groß; ich schließe die Augen und hoffe auf baldige Rettung und Gnade. Dein bin ich, Vater! Rette mich! (V. 4607) – Auf einmal ertönt ein lauter Gong; ich wache auf. Vor mir unbeschriebenes Papier, um mich herum sehe ich meine Mitschüler, die ihre Stifte weglegen und langsam einpacken. Die Zeit ist vorbei. Ich bin gerichtet (Vgl. V. 4611) ist das Einzige, an was ich denken kann. Doch von oben schallt eine donnernde Stimme [b„]ist gerettet! (V. 4612)

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1Alle kursiv gedruckten Passagen sind aus „Johann Wolfgang von Goethe: Faust – Der Tragödie erster Teil“ entnommen