Das Hungern in der Welt und der Utilitarismus – helfen oder nicht? – Ein Beitrag aus dem Ethikkurs Stufe 11
In den letzten Wochen hat sich der Ethik-Grundkurs der 11.Jahrgangsstufe mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass weltweit Menschen hungern. Dies wird von den Vertreterinnen und Vertretern des Utilitarismus – eine der zentralen moralphilosophischen Positionen der Gegenwart – als moralischer Skandal empfunden, der uns alle nicht kalt lassen darf. Aber überzeugt dieser Ansatz? Und inwieweit sind wir verpflichtet, etwas zu tun? Bei der Diskussion dieser Fragen erhielten die Schülerinnen und Schüler Unterstützung durch Materialien der Hilfsorganisation CARE und durch deren Projektberater Hr. Böhm. […“]
Es ist das Jahr 2022, die Welt ist weit entwickelt und wirtschaftlich auf dem Vormarsch. Es gibt genug für alle, durch neue Technologien ist die Herstellung und Gewinnung von Lebensmitteln eine Leichtigkeit. Nichtsdestotrotz hungern auf dieser Welt ganze 811 Millionen Menschen. Währenddessen schlagen sich die Menschen auf der anderen Seite der Erde die Bäuche voll und denken nicht einmal im Schlaf daran ihren Genuss mit denen zu teilen, die es wirklich nötig haben. Doch warum ist dieses Verhalten so verwerflich? Gibt es eine Pflicht zu helfen? Dies soll im Folgenden anhand des Utilitarismus, beruhend auf Bentham, erörtert werden.
Der Utilitarismus ist eine Form der zweckorientierten Ethik. Er besagt, dass eine Handlung genau dann moralisch richtig ist, wenn sie den aggregierten Nutzen maximiert. Er sieht somit vor, dass man stets so handeln sollte, dass die Handlung allen Betroffenen ihr größtmögliches Glück beschert (Prinzip der Nützlichkeit) und setzt sich demnach aus verschiedenen Einzelinteressen zusammen. Des Weiteren beinhaltet der Utilitarismus die Forderung sich seinem Gegenüber so zu verhalten, wie man selbst von ihm behandelt werden möchte. Bezieht man sich also auf die Theorie des Utilitarismus, so ist es mindestens eine moralische Pflicht Menschen in Not, in unserem Fall hungernden Menschen, zu helfen. Aber warum, mit welcher Begründung verlangt der Utilitarismus die Beachtung dieser Pflicht von uns?
Einfach gesagt natürlich, weil die Allgemeinheit beziehungsweise mehr Menschen glücklich wären, wenn weniger Menschen unter Hunger leiden würden. Des Weiteren hätte das Spenden von einigen Euro keine moralisch vergleichbaren schlechten Folgen für den Spender, verglichen mit den Folgen, unter denen der Hungernde leidet, wenn er keine Spende erhält. Dieser Gedanke beruht auf Peter Singer, ebenfalls ein Utilitarist, welcher behauptet: „Wenn es in unserer Macht steht, etwas Schlechtes zu verhindern, ohne dabei etwas von vergleichbarer moralischer Bedeutung zu opfern, so sollten wir dies, moralisch gesehen, tun.“ Diese Aussage spricht für die Pflicht Hungernden zu helfen.
Eine Unterform des Utilitarismus ist der Regelutilitarismus. Er orientiert sich – wie der Name es bereits verrät – an Regeln und wirft dabei die Frage auf: „Was wäre, wenn jeder so handeln würde?“ Beziehen wir diese Frage nun auf das Spenden, lautet sie folgendermaßen: „Was passiert, wenn all diejenigen, die keine moralisch vergleichbaren, negativen Folgen davontragen, an diejenigen spenden, die das Geld zum Überleben benötigen?“ Die Antwort auf diese Frage ist eindeutig: Wenn alle, die spenden können, ohne selbst darunter zu leiden, auch spenden, dann kann vielen Menschen geholfen sein. Wenn weniger Menschen hungern, dann leiden gleichzeitig weniger, was dem oben genannten Prinzip der Nützlichkeit entspricht.
Noch eine weitere utilitaristische Überlegung spricht für die Pflicht zu spenden: Der Handlungsutilitarismus, begründet durch Bentham, beschäftigt sich mit den Folgen einer Handlung. Was passiert in Folge einer Spende? Angenommen eine Person mit gutem, regelmäßigem Einkommen spendet 100€ an ein Dorf in Afrika. Für die spendende Person wird das keine großen Folgen haben, zumindest keine negativen. Ein Arbeitstag – und das Geld ist wieder drin. Für jene, die die Spende erhalten, hat dies aber sehr positive Folgen. Von dem Geld kann sich eine Familie für lange Zeit ernähren. Es zeigt sich also auch nach dem der Handlungsutilitarismus, dass Spenden und das Helfen in Not eine moralische Pflicht sind.
Unabhängig von utilitaristischen Überlegungen kann man aber auch argumentieren, dass es heutzutage zahlreiche Möglichkeiten zu helfen gibt, z.B. durch Hilfsorganisationen wie Care, UNICEF oder die Welthungerhilfe. Nicht nur auf verschiedensten Plattformen kann man durch ein paar Klicks etwas Gutes tun. Auch durch das Verschenken von alten Klamotten und Gegenständen, die man selbst nicht mehr braucht, ist etwas Gutes getan.
Um nun zu einem Fazit zu kommen: Es hat sich gezeigt, dass zumindest utilitaristisch gesehen vieles für eine moralische Pflicht spricht, anderen Menschen in Not zu helfen. Sofern man selbst nicht darunter leidet, scheint es das einzig moralisch Richtige zu sein. Demnach sollten alle, die die Möglichkeit besitzen, sich die Zeit nehmen und darüber nachdenken, wie sie anderen helfen könnten, ob nah oder fern. Wenn das geschieht, dann kann man hoffen, dass dieses Verhaltensmuster sich nach und nach in der Gesellschaft etabliert und dadurch das Leid vieler Menschen minimiert werden kann. Wer weitere Informationen zum Thema Hunger sucht: https://www.care.de/schwerpunkte/bildung-und-zivilgesellschaft/projekte-in-de