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„CoronABI – Wir lernen zu Hause!“ * oder: Zwischen Zwangslagen und Zukunftsplänen zappeln

„Wir erleben (…) in der Corona-Krise ein existenzielles Sozialexperiment und einen Systemwettkampf, ein Ringen um Menschenbilder, Mündigkeitsideale und Weltanschauungen im Spannungsfeld von nationalem Egoismus und globaler Solidarität, von Freiheit und Sicherheit, von humaner Orientierung, ökonomischer Vernunft und kalt kalkulierendem Nützlichkeitsdenken.“

Bernhard Pörksen jongliert in seinem Essay „Die verletzliche Zivilisation“ mit Fremdwörtern und Fachbegriffen, um die Bedeutung der Covid-19-Pandemie für unsere Gesellschaft zu lancieren.

Meine Gedanken hängen dem Artikel nach, wandern mit Gefühlschaos im Gepäck durch Zeitgeschichte und Zukunft, sodass ich sie nur mühsam zurückzerren kann. Schließlich sollte meine ungeteilte Aufmerksamkeit im Moment der Thematik „Existenzkrise“ gelten. Natürlich nicht meiner Existenzkrise – versteht sich. Natürlich nicht der des Bäckers um die Ecke – unverkaufte Ware, leere Kasse, Zukunftssorgen. Natürlich nicht der des Straßenverkäufers in Venezuela, dessen Geschäft von einem Tag auf den anderen zusammengebrochen ist. Natürlich nicht. Denn welchen Problemen sollte inmitten einer globalen Pandemie auch sonst so viel Beachtung zukommen, als denen des Gelehrten Heinrich Faust oder des Intellektuellen Harry Haller?

Inmitten des Chaos aus bunten Post-its, stapelweise Zusammenfassungen, wankenden Türmen aus Abiturvorbereitungswerken und leeren Kaffeetassen, kauere ich also am Schreibtisch und kann mich privilegiert schätzen, weil meine größten Probleme „Kurvendiskussion“ und „Stochastik“ heißen.

Das vor dem Hintergrund des Zitats von Berhard Pörksen nicht absurd – beinahe schon pervers – zu finden, fällt schwer.

In der Bildungsrepublik Deutschland herrscht Uneinigkeit: Können Abiturvorbereitungen weiterlaufen, während die Welt still steht? Ganze Nationen sind planlos, aber Schüler sollen Lernpläne erstellen? Und vor allem, was genau waren jetzt nochmal die Vorteile des Bildungsföderalismus?

Eine Schülerpetition jagt die andere und eine Schlagzeile zum Abitur 2020 ist polarisierender als die Vorherige. Im Bildungswesen dreht sich plötzlich alles um eine einzige Frage: Welche Rolle sollten Abschlussprüfungen in einer globalen Krise spielen?

Seit dem 13. März sind die Schulen in Baden-Württemberg geschlossen. Ausnahmezustand. Irgendwie aufregend. Aber diese Art von Aufregung stimuliert eben nur kurzfristig und wirkt bald vor allem belastend. Zuerst tagelange Ungewissheit. Nachrichten-Aktualisieren im Stundentakt: Abiturprüfungen in Hessen werden geschrieben. In NRW möglicherweise zum Ausfallen verurteilt. In Frankreich bereits abgesagt. Aus Baden-Württemberg lange Zeit nichts Neues. Dann endlich der Beschluss des Kultusministeriums:

Abschlussprüfungen finden statt – so zumindest die momentane Aussicht, lässt doch die Wechselhaftigkeit von Standpunkten und Schlagzeilen jedes Aprilwetter neidisch werden. Alles ist möglich, alles offen. Planungssicherheit? No way.

Garantiert werden soll deshalb von Seitens der Regierung zumindest eines: Selbstverständlich wird bei anstehenden Prüfungen Rücksicht auf die außergewöhnliche Situation der Schülerinnen und Schüler genommen. Umgesetzt werden diese Floskeln zunächst, indem manche Abiturienten nun, dank den neuen Terminen, drei ihrer vier Prüfungen an direkt aufeinanderfolgenden Tagen ablegen dürfen. Dieser rücksichtsvollen Maßnahme kann die Schülerschaft im Allgemeinen leider eher wenig Wertschätzung entgegenbringen.

Angebracht an dieser Stelle – ein Appell an die eigene Vernunft. Muss man sich doch fairerweise selbst fragen, wie Alternativen aussähen.

Die Optionen „Notabitur“ und „Durchschnittsabitur“ spalten die Schülerschaft in zwei Lager, deren Meinungen unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide Varianten zielen schlussendlich darauf ab, dass Abiturienten am Ende des Sommers ihre Zeugnisse in den Händen halten. Zukunftsplänen,wie Studienplatzbewerbungen dürfte doch damit nichts im Wege stehen.

Aber vielleicht geht es darum überhaupt nicht. Vielleicht ist der springende Punkt nicht, von sich behaupten zu können, Abitur gemacht zu haben. Der Fixpunkt des Gedankenkarussells ist dieses widerspenstige „Aber“, das sich an jede Aussage über die Ergebnisse unserer Reifeprüfung heften würde. Durch keine noch so diplomatische Relativierung abzuschütteln. Die Befürchtung, das Abiturzeugnis des Jahrgangs 2020 könnte in Zukunft zwar Gültigkeit, nicht aber die übliche Validität besitzen, ist in der Vorbereitungsphase omnipräsent. Übertrieben ist diese Sorge nicht, vor allem, falls die Abiturprüfungen – wie in einigen Nachbarländern – ganz entfallen.

Abschluss ohne Abschlussprüfungen?

Als würde die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der Weltmeisterschaft den Titel holen, ohne zu dem entscheidenden Endspiel angetreten zu sein. Ups, überdramatisch.

Auf weniger größenwahnsinniger Ebene, wie ein Buch aus zwölf Kapiteln – die letzten Seiten jedoch ungelesen.

Wie nun das Problem lösen, wenn diese Seiten gänzlich herausgerissen wurden? Wenn stattdessen auf skrupellose Weise neue Blätter eingeklebt wurden, auf denen völliger Unfug zu stehen scheint. Papier statt teurem Pergament. Umgeschrieben und eingeklebt, ohne die Leser zu fragen. Ein unerwartetes Ende, das im vorausgegangenen Kontext überhaupt keinen Sinn zu machen scheint.

Denn schlussendlich sind unsere ausgereiften Meinungen und Argumente im Hinblick auf das Abitur nahezu hinfällig. Nicht nur, weil letztendlich die Entscheidungsgewalt in der Hand der Kultusministerien liegt, sondern vor allem, weil das Jahr 2020 nicht mehr davon abgehalten werden kann, ungewöhnlich zu sein. Über Existenz und Bedeutung des Begriffs „Normalität“ wird viel philosophiert, aber feststeht: Sollte es sie jemals gegeben haben, ist sie nun für´s Erste untergetaucht. Die ursprüngliche Buchseiten sind weg.

Schwierig, sich nach dieser Erkenntnis wie volljährige, vernünftige Bundesbürger zu verhalten. Einerseits das Bedürfnis in kleinkindhafter Manier trotzig mit dem Fuß auf den Boden zu stampfen und nach einem normalen Abitur, unter normalen Umständen, mit normalen Prüfungsterminen, normalen Korrekturen und normalen Abi-Partys zu verlangen. Alle anderen Alternativen nicht akzeptieren. Kompromisslos auf der eigenen Position beharren, bis die andere Partie nachgibt. Aber die zu bekriegende Partie gibt es in diesem Fall nicht. Nur viele Menschen, die versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Die besten Ergebnisse zu erzielen und die klügsten Entscheidungen zu treffen. Kleinkind also wieder einpacken. Stattdessen Kopf und Nerven bewahren. Denn wer den Kopf verliert oder mit dem Kopf durch die Wand geht, hat schließlich keinen mehr um Abiturprüfungen abzulegen.

Vielleicht gehört genau das zur diesjährigen Reifeprüfung: Krisenmanagement als Kernkompetenz. Zweifel, Frust und Resignation umtänzeln. Stattdessen Routinen entwerfen und verwerfen, Lernpläne erstellen, erneuern, verbessern. Auch einfach mal anfangen, ohne zu wissen, wie und wo. Sich im Prozess verrennen dürfen oder den Weg absichtlich aus den Augen verlieren, um einen besseren zu wählen. Von einer asphaltierten Hauptstraße mitten in scheinbar uferlosen Morast und herausfinden, ob das nun Umweg oder Abkürzung war. Denn möglicherweise bringt Pandemie dann auch Privilegien mit sich: Wer diese Zeit nicht nutzt, um sich in der Rolle des pessimistischen Prophetens zu üben oder exzessives (und grenzenlos verführerisches) Netflix-Serien-Binge-Watching betreibt, ist mit mehr Zeit gesegnet als jeder andere Jahrgang vor uns. Wir haben Zeit, die uns im Schulalltag fehlt. Die Möglichkeit, im Chaos zu schwimmen und darin die besten Lösungen zu finden: Die besten Uhrzeiten für produktive Lerneinheiten entdecken. Neue Methoden ausprobieren, vielfältiger Lernen: Online Lerngruppen – irgendwo zwischen Elan und schlechtem WLAN, Dokumentationen verschlingen als pseudoproduktive Prokrastinationsmöglichkeit. Bücher lesen, ohne zeittechnische Zweifel hegen zu müssen.

Abseits von der Entwicklung von Selbstoptimierungsmethoden zu Lernzwecken, haben wir mehr Zeit – wenn auch weniger Nerven – für das Ausarbeiten von Zukunftsplänen und für regelmäßige Reflexion. Die Erkenntnis?

Gefühlslage irgendwo zwischen einer Überdosis Selbstverantwortung, euphorischem Freiheitsrausch und ein bisschen Hilfslosigkeit. Zwischen Zwangslagen und Zukunftsträumen zappeln.

Aber die wirklich wichtige Erkenntnis ist eine andere:

Abseits vom politischen System der USA, den Vor- und Nachteilen des Brexits, der Bedeutung der Berliner Mauer für den Ost-West-Konflikt, haben wir in den letzten Wochen mehr sogar noch mehr gelernt, als es in der Abiturvorbereitungsphase üblich ist:

Wir verstehen den Wert einer freundschaftlichen Umarmung, der Menschenmenge auf einem Konzert oder den Luxus eines spontanen Café-Besuchs.

Wir werden uns daran erinnern, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, über einen vollen Terminkalender jammern zu können, das eigene Haus verlassen zu dürfen und sich bester Gesundheit zu erfreuen.

Wir haben gelernt, dass wir auch dann hoffen können, dass alles nach Plan läuft, wenn wir eigentlich keinen haben.

FORTSETZUNG FOLGT….

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* Zitat: Annika Gromer