Tag der Deutschen Einheit – nur inwieweit?
(Larisa Kablar, Klasse 12) Der 3. Oktober fand 1990, als das Datum der deutschen Wiedervereinigung, in allen Geschichtsbüchern seinen festen Platz. Somit ist er bis heute vielleicht sogar der wichtigste Feiertag der Bundesrepublik. Zelebriert wird der Wiederzusammenschluss von West- und Ostdeutschland nach der Teilung anlässlich der deutschen Kapitulation am Ende des 2. Weltkriegs. Ehemals hochgepriesen, immer häufiger jedoch als enttäuschend wahrgenommen, stellt sich seine Legitimität möglicherweise infrage? Sind anstelle der alten Mauer jetzt etwa andere getreten?[1]
Zunächst einmal bedarf es einer historischen Einordnung.
Das Dritte Reich geht zugrunde: Das nationalsozialistische Deutschland befand sich 1945 militärisch am Ende. Die gegnerischen Streitkräfte rückten stetig näher die eigenen Truppen heran, die Versorgung der noch lebenden Zivilbevölkerung verschärfte sich und im April beging der Führer Selbstmord. Deutschland unterschrieb die bedingungslose Kapitulation. Der 8. Mai gilt als Tag der Befreiung vom NS-Regime und gleichzeitig als eine Niederlage, die vieles ändern sollte.
Die Nachkriegszeit: Nachdem die Verhandlungen der Besatzungsmächte, bei der Potsdamer Konferenz, aufgrund von unüberbrückbaren Differenzen, gescheitert waren, wurde das deutsche Staatsgebiet aufgeteilt. Im Westen des Landes entstand die sogenannte „Trizone“, verwaltet von Großbritannien, Frankreich und den USA, welche später zur BRD, der Bundesrepublik Deutschland, wurde. Im Osten hingegen gründete man, unter der sowjetischen Aufsicht, die DDR, Deutsche Demokratische Republik. Es entstanden zwei deutsche Hemisphären mit fundamentalen Unterschieden. Deutschland wurde zum Teilschauplatz des Kalten Kriegs, einem Wettrennen zwischen Kapitalismus und Sozialismus.
DDR und BRD: In der BRD zahlte man mit der DM, in der DDR mit der Ostmark. In der BRD blühte die Konsumgesellschaft, in der DDR herrschte oft Mangel an Waren. In der BRD durfte man sich seinen Urlaubsort aussuchen, in der DDR galten Reisebeschränkungen. In der BRD gab es freie Wahlen, in der DDR stand nur eine einzige Partei zur Auswahl. In der BRD fuhr man VW, Mercedes und Ford, in der DDR Trabant. Im Westen war man stolz auf Boris Becker, im Osten auf Kati Witt. In der Vorrunde der Weltmeisterschaft 1974 siegten im deutsch-deutschen Duell die Fußballer der DDR.
Der Mauerbau: Die anhaltende Massenflucht in den Westen führte zum Mauerbau. Ab 1961 teilten zementierte Steine die Hauptstadt Berlin. Eine Überschreitung der Zonen wurde mit nacktem Leben bezahlt. Liebespaare lebten sich auseinander, die Großeltern lernten nie ihre Enkelkinder kennen, gemeinsame Familienessen an Weihnachten waren um die Hälfte weniger besucht. Man ist als Mensch auf seiner Seite des Bodens gefangen gewesen.
Gründung des Deutschlands, wie wir es heute kennen: Im September 1989 begannen die Montagsdemonstrationen im Osten Deutschlands. Die DDR-Bürger protestierten gegen staatliche Überwachung, forderten Reisefreiheit, lehnen sich auf gegen Verfolgung durch Stasi … So vollzog sich eine friedliche Revolution, bis die DDR aufgelöst wurde und der Osten der BRD beitrat. Ab da lautete der gesamtdeutsche Auftrag, die ehemaligen Zonen anzugleichen.
Die Gegenwart: Das Grundgesetz gilt nun für ganz Deutschland. Mittlerweile sind diese beiden Staaten eine längere Zeit vereint, als sie getrennt waren. Trotzdem gibt es weiterhin sichtbare Kontraste in den Lebensverhältnissen der immer noch sogenannten Wessis und Ossis.
Kurz nach der Wende zogen große Zahlen an leistungsfähigen Menschen in den bereits modernisierten Westen. Als Resultat der Binnenmigration mussten viele Geschäfte im Osten schließen, da Käufer, Verkäufer und Produkte fehlten. Diese Entwicklung der Infrastruktur machte den Osten unattraktiv, weshalb ihn noch mehr Menschen verlassen wollten. Zumal es eher die Jüngeren waren, die umgezogen sind, vollzog sich ein demografischer Wandel. Größtenteils alte Menschen und niedrige Geburtenraten führten zu Vereinsschließung, begrenztem Kulturangebot und leeren Landstrichen. Damit war weiterhin der Lebensstandard im Westen höher. Die damalige Entwicklung schlägt sich heute in der Statistik negativ nieder. So gibt es aktuellen wirtschaftlichen Daten zufolge, in den ostdeutschen Bundesländern immer noch eine höhere Arbeitslosenquote. Politisch gesehen zeigen sich deutlich mehr Menschen aus den neuen Bundesländern unzufrieden und wählen demnach besonders rechte oder besonders linke Parteien.
Hinzu kommt noch ein persönlicher Aspekt. Ungeachtet der Tatsache, dass die DDR heutzutage als diktatorischer Unrechtsstaat angesehen wird, verbinden viele Deutsche, die 45 oder älter sind, ihre Kindheit mit ihr. Und damit auch schöne Erinnerungen. Etwa an die alten Datschen im endlos erscheinenden Sommer, Russisch als erste Fremdsprache oder die leckeren Piroschki. Als die freie Marktwirtschaft im Osten Einzug hält, verlieren viele einen Teil ihrer Identität. Für die im Westen aufgewachsenen Deutschen dagegen änderte sich hauptsächlich nur die Größe des Landes. Aufgrund der soziokulturellen Unterschiede ist es fraglich, ob es damals wirklich zu einer Einigung Deutschlands gekommen ist, oder ob nicht vielmehr Westdeutschland expandiert ist.
Status quo: Somit sprechen einige Aspekte eher für eine misslungene Einheit Deutschlands. Jedoch trifft eine solche Wertung des 3. Oktober nicht vollständig zu. Selbstverständlich hat die deutsche Aufteilung Narben im Land hinterlassen, die zu heilen nicht einfach sind. Es tut sich aber etwas.
Wichtig ist zu verstehen, dass der 3. Oktober weitaus mehr als ein schulfreier Tag ist. Zugegebenermaßen verbringe ich ihn meistens mit Lernen und meine Familie mit der Bewältigung kleinerer Haushaltsaufgaben. Immer seltener höre ich von Einladungen zum Grillen oder Reisen zu Verwandten. Entsprechend gilt die Empfehlung an alle Schüler, an diesem besonderen Tag Mut zur schulischen Lücke zu haben. Statt sich über Hefte zu beugen, empfiehlt es sich, den Onkel nach seiner Schulzeit zu fragen oder jene Orte zu besichtigen, die von Umbrüchen zeugen. Man lernt dazu — versprochen.
Ja, es gibt eine deutsche Einheit. Nein, Ost- und Westdeutschland sind nicht identisch. Genauso wenig wie es zwei Regionen im Westen sein können, zumal beide durch ihre ganz eigene Geschichte schattiert sind. Dass aber sowohl im Osten als auch im Westen eine pluralistische Demokratie, samt ihrer Hürden und Bürden, fest verankert ist, wird mit Sicherheit weitere Gemeinsamkeiten ermöglichen. Ob die Rivalität zwischen Sozialismus und Kapitalismus mit dem Ende des Kalten Kriegs geendet hat, sei dahingestellt. Sicher ist allerdings, dass sich Deutschland im Jahr 2026 als ein geeintes Land in der internationalen Diskussion positionieren kann.[2]
[1] Abgeändert aus dem Bericht der Landeszentrale für politische Bildung BW
[2] Die Autorin hat sich informiert über MrWissen2go Geschichte und den Geschichtsunterricht. Der Text beinhaltet subjektive Meinung der Autorin. Ein Anspruch auf Richtigkeit besteht nicht.