Sekunden, die bleiben
[Siegertext des Isnyer Literatur-Schreibwettbewerb 2026 – Jihan Sino, Klasse 9]
„Schmeckt es?“, fragt meine Mutter.
Ich sage ja,
doch schüttle den Kopf.
Niemals hätte ich gedacht, dass ich in meinem Leben genau das essen würde.
Jedes Mal, wenn ich daran vorbeilief, dachte ich mir: Brennnesseln?
Was sollen die schon bringen?
Die haben doch nichts in sich.
Jetzt nenne ich sie Salat.
Ich habe sie früher innerlich ausgelacht.
Was bringt das? Dieses grüne Zeug wird doch eh niemand brauchen.
Jetzt sind es die Brennnesseln, die mich auslachen.
Heute sitze ich hier und bin dankbar, überhaupt etwas essen zu können.
„Was ist los?“, fragt meine Mutter.
Ich schaue sie nur an.
„Nichts.“
Innerlich zerbreche ich.
Niemals hätte ich gedacht, dass ich einmal dankbar sein würde für etwas,
das nie als wertvoll galt.
Für etwas, das man nicht einmal beachtet hat.
Jedenfalls solange man es nicht gebraucht hat.
Und warum? Warum ich?
Das frage ich mich jeden Abend.
Und trotzdem hoffe ich jeden Tag, aus diesem Albtraum aufzuwachen.
Meine Mutter in der Küche, wie sie einen Kuchen backt.
Meinen Vater, der gerade ein Geschenk einpackt.
Geburtstag.
Was war Geburtstag überhaupt?
Gibt es das noch?
Kann ein Mensch in unserer Zeit einfach fröhlich sein?
Ich habe gelernt, meine Geschwister zu verteidigen.
Essen zu besorgen. Für meine Mutter da zu sein.
Ich habe aber nicht gelernt, meinen Namen richtig zu schreiben.
Früher war Verantwortung für mich eine kleine Pflicht.
Heute ist sie ein großer Anspruch.
Für andere einstehen.
Meine Familie schützen.
Mein Land verteidigen.
Ich bin erwachsener geworden.
Und trotzdem noch so jung.
Trotzdem noch so klein.
Mir tun die Ohren weh. Nicht vom Geschrei, sondern von dieser Stille.
Mir tut mein Herz weh. Nicht wegen des Schmerzes, sondern wegen der Leere.
Die Menschen um mich herum tun mir leid. Ich möchte ihnen helfen. Aber… wie?
Früher war Verantwortung nur ein Wort.
Heute ist es Wahrheit.
Jetzt weiß ich, was Menschen fühlen. Welchen Schmerz sie tragen.
Papa, sage ich leise,
„Ja, Sohn. Was ist?“
Ich halte das nicht mehr aus.
„Du wirst es schaffen. Glaub an dich.“
Papa, das Leben geht nicht weiter. Alles steht still.
„Es wird vorübergehen. Du musst nur fest an dich glauben.“
Solche Sätze höre ich jeden Tag.
Und ich weiß, dass sie nicht aus Überzeugung kommen,
sondern damit wir diesen Schmerz ertragen.
Früher war Hoffnung ein gutes Zeichen.
Heute ist Hoffnung, am Leben zu bleiben.
Ich verlasse seinen Grabstein.
Gehe nach Hause. Haus, ein Wort, kein Ort.
Ich dichte ein Lied:
Das Fenster steht offen, die Sekunden bleiben stehen,
Ein Vogel auf dem Baum, er singt sein Lied,
wirft Schatten ins Herz, das nichts mehr vergibt.
Steine fallen leise, Bilder ziehen vorbei,
die Stille drückt schwer, macht die Seele frei.
Das Fenster steht offen, der Atem so schwer.
Sekunden.
Kannte man sie wirklich vor dieser Plage?
Hat man sie gespürt?
Nein.
Jetzt zähle ich sie.
Mit der Hoffnung,
dass es vorübergeht.
Hoffnung.
Vielleicht ist sie nur ein Wort.
Vielleicht hatte sie nie einen Sinn.
Die Sekunden, die ich zähle, bleiben.
Sie kommen,
aber sie gehen nicht.
Es ist einfach so.
Meine Sekunden und die meines Landes
bleiben.
Der Tag fängt wieder von vorne an.
Ich zähle Tage, Stunden, Sekunden,
und trotzdem scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
Alles wiederholt sich.
„Schmeckt es?“, fragt meine Mutter.
Ich sage ja,
doch schüttle den Kopf.
Ende