Ich packe meinen Koffer und nehme mit…
Lieber Mensch, der mich hier nicht haben will,
es ist rechtlich möglich, ich weiß.
Der Krieg ist vorbei, und nun könnte ich zurück in das Land, aus dem ich fliehen musste.
Das Recht erlaubt dir diese Forderung. Ich weiß das.
Schließlich war es nur ein „Schutzasyl“. Gefahr ist ja nicht weg aber DIE Gefahr ist weg.
Aber vielleicht siehst du es ein, dass ich, wenn du mich schon wegschickst, meinen Koffer wenigstens selbst packen darf.
Den Kopf darüber zerbrechen, womit ich anfange, muss ich mir nicht. Papiere.
Das, was alles bestimmt. Ganz oben auf der Liste, dieses mächtige Heftchen namens Pass. Das, was uns unterscheidet. Das, was ihnen die Macht über mein Leben in die Hand legt.
Nicht zu vergessen meine Zertifikate.
Das Zeugnis der 10. Klasse, das aktuellste. Ein Realschulabschluss. Dort bringt er zwar nichts, aber dieses Stück Blatt ist alles, was ich davon habe. Meine Schulsachen kann ich mir sparen.
Unnötiges Gewicht und unnötiger Anlass zur Erinnerung.
Was soll eine Elftklässlerin, die Arabisch nur mit verstreuten deutschen Worten spricht, dort lernen oder studieren?
Als Nächstes die Kleidung. Viel wird es nicht sein. Was sollten Allgäu-Jacken dort auch bringen?
Mützen, Schals und Handschuhe ebenso wenig. Dort trauen sich die Temperaturen nicht unter null.
Ich frage mich, wie mein Körper mit diesen absurden Temperaturen umgehen wird, aber er wird sich wohl nochmal „integrieren“ müssen. Eine andere Option hat er nicht.
Wenn wir schon bei Temperaturen sind, darf ich das Wasser nicht vergessen. Genug für die nächsten Jahre.
Dort braucht man Wasser. Mit der unzureichenden Wasserversorgung wird mein Körper wieder nicht klarkommen. Und irgendwie muss ich die Trümmer meines alten Hauses wieder aufbauen.
Vielleicht ersetzt Wasser Beton. Für den Anfang muss es reichen.
Dieses Buch muss ich mitnehmen. Es war das Buch, das mir eine Freundin als 30. Geschenk in meinen Ramadan-Kalender legte. Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie auf diese Idee kam.
Ein Adventskalender für Ramadan. Pluralismus und Toleranz in ihrer schönsten und süßesten Form.
Das Buch muss mit, falls die Hoffnung mal ausgeht.
Endlich ist der Koffer gepackt. Ich schaue noch einmal in meinem Zimmer nach vergessenen Dingen, dann ist es so weit. Es könnte noch vieles mit, aber das Wichtigste ist drin.
Das Auto wartet schon draußen. Ich versuche, den Koffer zu bewegen.
Nichts. Kein Zentimeter. Er ist zu schwer, um von hier wegzukommen. Ich sitze vor ihm, voller Überzeugung, und will ihm erklären, dass wir rechtlich gehen müssen. Dass jeder Jurist das bestätigen würde. Aber der Koffer bewegt sich nicht. Kein Stück.
Mein Koffer lässt sich nicht vom Gesetz überzeugen.
Er sieht nur, was alles hierbleiben müsste.
(anonyme/r Autor/in)