Die optimale Schule?
(Rebecca Käser, Klasse 9) „Das ist die optimale Schule für dich!“, das hat meine Klassenlehrerin damals in der vierten Klasse zumindest zu mir gesagt. Was anderes wäre ehrlich gesagt sowieso nicht für mich in Frage gekommen. Gymnasium. Das war seit der ersten Klasse mein Ziel. In meinem Kopf hatte ich dann dieses unrealistische Bild von der optimalen Schule, also das, was sie dir in diesen ganzen Highschool Filmen immer zeigen. Wo du eigentlich immer nur Mittagspause oder ein einziges Fach bei diesem einen speziellen Lehrer, der seinen Beruf lebt, hast. Und natürlich habe ich auch gedacht, dass, sobald du in die fünfte Klasse kommst, den ganzen Tag in Absatzschuhen rumläufst, und dich dann jeden Nachmittag mit deinen Freunden zum Shoppen oder für Abendteuer triffst.
Tja, wie man sich täuschen kann.
Ich bin dann in die fünfte Klasse gekommen, endlich auf der ach so optimalen super fantastischen Schule. Und vielleicht war sie das anfangs auch, die meisten meiner Freunde waren in derselben Klasse wie ich, wir haben im Unterricht oft lustige Sachen gemacht und als wir dann in die Dobelmühle gefahren sind, war es für mich das Größte.
Irgendwann ist meine Seifenblase dann aber geplatzt. Es fängt ganz unscheinbar an, du merkst, dass du immer mehr Hausaufgaben bekommst- wenn du dich überhaupt daran erinnerst, dass es Hausaufgaben gab, weil deine Hausaufgabenheftführung nur die ersten drei Wochen wirklich geklappt hat. Vielleicht fängst du dann an, mehr für die Schule zu tun, auf Klassenarbeiten vorzeitig zu lernen. Habe ich ehrlich gesagt nicht unbedingt gemacht, ich war noch zu verblendet von der Grundschule, weil es da immer so einfach für mich war.
Nach einer Weile realisierst du, dass du was tun musst. Denn du willst ja gute Noten schreiben. Dein Hausaufgabenheft wird tatsächlich benutzt und das, was da drinnen steht, wird auch erledigt- und zwar selbst und nicht in den fünf Minuten Pause vor Stundenbeginn; nein zuhause. Und nicht nur die Hausaufgaben, du erinnerst dich an diesen einen Satz von dem Lernzettel, den du in einer deiner ersten SLS- Stunden bekommen hast. Da stand irgendwie sowas drauf, dass man am besten eine Woche vor der Klassenarbeit anfängt darauf zu lernen. Daran hältst du dich ab jetzt so gut es geht. Du merkst wie deine Noten besser werden und das, was da vorne erzählt wird, zum Großteil schon irgendwie Sinn ergibt.
Du fühlst dich großartig, und denkst, dass Schule vielleicht doch Spaß machen kann. Ich denke, das Gehirn findet gute Noten toll, da sie das sind, worum Schule sich größtenteils dreht. Wenn du eine gute Note schreibst, bekommst du dafür Anerkennung, das mag dein Gehirn, also zieht es daraus den Schluss: je besser deine Noten sind, desto mehr Anerkennung bekommst du. Irgendwann bist du dann so beschäftigt damit auf gute Noten zu lernen, dass du gar nicht merkst, dass du dich schon eine, nein zwei, nein drei ganze Wochen nicht mehr privat mit deinen Freunden getroffen hast. Wenn du nach der Mittagsschule nachhause kommst, bist du sauer auf deinen Körper, weil er nicht sofort weiterarbeiten kann, du müde bist und dich ausgelaugt fühlst. Du hast Schuldgefühle, wenn du in den Ferien mal einen Tag lang nichts machst, weil du auf dem Geburtstag deiner Oma bist. Abends liegst du dann wach im Bett und die Gedanken kreisen in deinem Kopf, weil es die einzige Zeit des Tages ist, wo du alleine für dich bist. Kurz gesagt: dir geht es schlecht.
Irgendjemand hat mal zu mir gesagt, dass wenn ich wie eine Erwachsene behandelt werden will, ich mich auch so benehmen soll. Nur bin ich keine Erwachsene, mein Gehirn ist eine Großbaustelle, meine Gefühle spielen verrückt. Was ich damit meine ist, dass man so jemanden nicht einfach in ein System stopfen kann, dass auf ein Wesen angepasst ist, das wie ein Uhrwerk läuft.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass den meisten, die das lesen, klar ist, dass unsere Schule keine optimale Schule ist, und sie es in einem suboptimalen Schulsystem auch nicht sein kann. Ich bin kein Experte, aber ich denke, dass etwas geändert werden muss, vielleicht ist es mit G9 ja besser, mir und vielen meiner Mitschüler*innen bringt das nur nichts.
So wie das jetzt ist, sind wir schon ausgelaugt, bevor wir überhaupt fertig entwickelt sind, das ist, wie wenn man in einem Videospiel schon im Tutorial einen Bosskampf machen müsste.
Wir sehen uns morgen wieder, an der optimalen Schule.