Abi 2026 – Einblicke in das Leben unserer Abiturienten
(Schülerzeitung Lesezeichen) Das Handydisplay zeigt den 27. März an. Ein Freitag wie jeder andere. Geprägt von müden Gesichtern, „kein Bock mehr“ und einer Doppelstunde Mathematik. Nur, dass es eben kein Freitag wie jeder andere ist. Auch wenn man es angesichts des frostigen Wetters kaum glaubt, ist es schon Frühling. Und mit ihm bald das A-B-I-T-U-R. Wobei – was heißt schon? Eigentlich haben wir es kaum erwarten können. Diesen Moment meine ich. Einen Moment, in dem die Freiheit naht, die Selbstständigkeit winkt und die Schule langsam, aber sicher alles vermittelt hat, was sie zu vermitteln hatte. Etwa, dass sich Freundschaften wandeln, genauso wie die eigenen Interessen oder – ja – auch die Binomialverteilung in Mathe. Irgendwie surreal, mehr überrumpelt als zielstrebig darauf zugelaufen, sind wir kurz vor der Ziellinie angelangt. Und jetzt?
Unsere Mathelehrerin hantiert mit dem Smartboard, schreibt Zahlen auf, addiert, löst, wartet, dass wir den Aufschrieb in unser Heft übernehmen, und schreibt dann weiter. Wir – so halb konzentriert, aber fast. Die Zweite-Reihe-Jungs füllen das Ranking für unser Abibuch aus, bei der Fensterfraktion wird über die Abipulli-Farben gestritten, und wir füttern währenddessen unseren „Zitrigel“ – eine Mischung aus Zitrone und Igel. Entstanden ist dieses Hefttier in einer der ersten Mathematikstunden letztes Jahr. Bringt einen absolut voran. Wenn nicht fachlich, dann zumindest zeitlich. Heftkritzelei auf einem ganz, gaaaanz anderen Niveau. Man kann ihn mit allen Habseligkeiten füttern: einem Fußball, Brokkoli, Gummibärchen … Kurze Bestandsaufnahme: Ein Lehrer sagte mal zu uns, vor dem Abi setze die Infantilphase ein – und diese kickt bei uns gerade mehr als jede Pubertätsstufe.
Die Worte „wir verfügen gerade über mehr Allgemeinwissen als jede Person der wir aktuell begegnen“ lässt uns Hoffnung in die Menschheit verlieren. Unserem Ermessen nach wissen wir jetzt nämlich weniger als jemals zuvor und fragen uns, wo wir die letzten zwölf
Jahre waren. Üben, üben, üben. Schreiben, schreiben, schreiben. Aufgaben rechnen, Aufgaben rechnen, Aufgaben rechnen. Je nach Leistungskurs unterscheidet sich die genaue Formulierung, mehr oder weniger ist die Botschaft aber klar. In die Osterferien entlassen, sollen wir nun täglich pauken. Der Alltag färbt sich monoton – zwischen den überteuerten Stark-Büchern, WWSchool und dem Eingabefeld von ChatGPT. Da ist natürlich das Bedürfnis, alles andere zu machen, außer zu lernen – egal was. Den
Müll raustragen? Kein Problem. Die Großeltern besuchen? Sehr gerne. Ja, sogar einen Text für die Schülerzeitung zu schreiben.
Neben der Prokrastination nistet sich aber auch ein kleiner Klumpen Angst ein. Es wäre gelogen zu behaupten, wir hätten keine Angst. Denn ja, selbst wenn es „nur“ drei ganz normale Klausuren sind, ist an der Situation rein gar nichts normal. Die Prüfungen finden nicht wie gewohnt in der Schule statt, dauern einige Stunden und zählen wie zehn Monate Schulbesuch. Denaturiert und mit wahrscheinlich stinkenden Snacks werden wir in genau einem Monat durch ein paar verfasste Zeilen über den nächsten Schritt in unserem Leben entscheiden. Der Traumstudiengang, der sich übrigens jeden Morgen ändert – oder doch eine Alternative? Ungelogen möchte man am Montag noch eine Au-pair-Stelle, am Mittwoch Bungeejumpen und am Donnerstag Straßenmusiker in Thailand werden. Zu viele Fragen, bei denen wir wünschten, sie wären rhetorische Stilmittel, die keine Antwort verlangen. Zu blöd nur, dass sie tatsächlich beantwortet werden wollen. Und zwar von uns.
Vermehrt habe ich das Gefühl, Social Media verkauft nicht nur Körperideale oder Produkte, sondern auch einen Lifestyle. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns in unserem mittlerweile fortgeschrittenen Alter bereits mit dem vermeintlich ausbaufähigen Äußeren abgefunden haben. Vielleicht auch daran, dass wir unser ganzes Geld für eine Woche Urlaub im Mai nach dem Schriftlichen verplant haben und nichts Weiteres kaufen können. Vielleicht aber auch daran, dass es stimmt. Öffnet man als Abiturient die „For You“-Page auf Instagram, begegnen einem Sonnenuntergänge auf Bali, Backpacking in Australien und Kamelreiten. Und auch wenn sich all das ziemlich cool anhört, bekommt man relativ schnell FOMO – Fear of Missing Out –, falls man doch etwas weniger Aufregendes, dafür aber Bezahlbareres wie ein Studium oder ein Praktikum an der lokalen Grundschule anstrebt. „Every i-want-to-see-the-world-boy searches for his let´s-go-girl“ hört sich zwar romantisch an, nicht jedes gelungene Leben muss sich aber auf Küsten abspielen. Sowas geht auch in einem weniger fancy Würzburg oder Sibratshofen. Die Storys solcher Gen-Z Influencer lassen einen dies jedoch schnell vergessen.
Plötzlich sind wir es, die die Aufmunterungsrede des Schulleiters in der Aula anhören. Diejenigen, deren Termin für die Zeugnisübergabe feststeht. Und die, die bald ihre Mensakarte im Sekretariat abgeben müssen. Angst vor einer Nachprüfung. Angst, das Abitur nicht zu bestehen. Angst, die Lektüre zu öffnen und sie erneut zu lesen. Freude auf diese eine Woche im Mai, in der die meisten mit ihren Prüfungen durch sind und zum ersten Mal mit Freunden ohne Eltern verreisen. Angekommene Pakete mit Abiballkleidern, Schuhen, Taschen und dem ein oder anderen Dekokissen für das Studentenwohnheim.
Bestimmt überfordernd beim Lesen – genauso chaotisch aber in jedem Einzelnen von uns –, halten sich unterschiedliche Gefühle die Waage. Stimmungsschwankungen, die wohl bezeugen, dass wir bald echte Erwachsene sind. Irgendwie wünscht man sich ganz dringend aus der Situation heraus und hält gleichzeitig am Gewohnten fest. Lehrer, die den letzten Benotungen entgegenfiebern und uns versprechen, Eis essen zu gehen. Aufbruchsstimmung – mit einem Blick auf das, was wir bereits geschafft haben, und einem Blick auf das, was wir noch schaffen müssen.
So oder so: Die Welt erlebt Abenteuer, alle Schüler genießen zwei Wochen Osterferien —und wir erleben eine nervenaufreibende Vorbereitungszeit. Aber hey, zumindest sind wir zu 53t zusammen da drin. Und vielleicht ist genau das unser größtes Abenteuer: nicht zu wissen, was kommt – und trotzdem loszugehen. (Larisa Kablar, Klasse 12)