Sprache kann unglaublich viel Macht haben. Doch wie wichtig ist das, was ich an einem gewöhnlichen Tag, in meiner privilegierten Lebenswelt von mir gebe? Im Durchschnitt sprechen wir pro Tag 16 000 Wörter.  Wenn ich am Ende des Tages darüber nachdenke, fällt mir nicht mal die Hälfte des Gesagten ein. Und die andere Hälfte? Über manches lächele ich. Schreibe es vielleicht sogar auf, weil der Moment so lustig oder schön war, dass ich ihn in meiner Erinnerung behalten möchte. Für manches schäme ich mich und wünsche mir, ich könnte all die unüberlegten Aussagen zurücknehmen.

Unterrichtsbeiträge. Überlegungen. Witze. Geteilte Gedanken. Trost. Lob. Emotionen. Flüche.  Beleidigungen. Lästereien.  Gerüchte.

Wenn ich die Hälfte meiner Worte bereits weniger als 24 Stunden später vergessen habe, wie wichtig war es dann, sie überhaupt auszusprechen? Bestimmt würden so einige inhaltslose Wörter und Sätze nicht vermisst werden.

Also gut: Ich wache auf, der große Zähler vor meinem inneren Auge steht auf 4000. Tja, nichts mehr mit Redefreiheit. Ich spare mir meine Flüche über den Wecker und erzähle auch am Frühstückstisch nichts von meinem verrückten Traum über einen fliegenden Hirsch, denn wen kümmert das schon? Spare ich mir die Grußworte und den Smalltalk mit dem Busfahrer und gehe stumm an ihm vorbei? Schon 100 Wörter gespart, was für ein Erfolg! Erste Unterrichtsstunde. Im Klassenzimmer ist es still, niemand erzählt von den Unternehmungen am Wochenende. Der Lehrer - mit Sonderwortbonus -   hält ungestört seinen Unterricht, ohne Getuschel in den Reihen. Konzentrierte Arbeitsatmosphäre, ausdruckslose Gesichter.  In der Pause rede ich mit meinen Freunden viel mehr über Dinge, die mich tatsächlich bewegen. Meine Wörter sind bewusst gewählt, mit mehr Tiefgang und Gefühl. Längere Pausen. Ich verkneife mir Scherze und ein lockeres Geplänkel mit meinen Freunden kommt nicht wirklich zustande. Wäre doch auch viel zu belanglos, um meine wertvollen Wörter damit zu verschwenden, denn wer weiß wofür man sie heute noch braucht?

 Abends im Bett schäme ich mich nicht über unüberlegte Bemerkungen und Gerüchte. Ich freue mich über einige ehrliche Gespräche, über Menschen, die sich ihren Worten und dessen Auswirkungen bewusster sind. Doch ich bemerke vor allem, wie viel ruhiger meine Freunde waren, ich vermisse ihre Ausschweifungen über Bücher und Länderfakten - kleine Momente, die die Person und unsere Beziehung ausmachen. Ich vermisse das viele Gelächter über eben scheinbar so unnötige Dinge. Die ewigen Ausführungen über große und kleine Momente, die mich heute gefreut oder geärgert haben. Ich vermisse den freundlichen Wortwechsel mit Menschen, die mir eigentlich egal sein könnten. Als ich abends in meinem ruhigen Zimmer liege, möchte ich am liebsten laut vor mich her reden, um all das Ungesagte und Aufgesparte herauszulassen. Doch ich habe nur noch 100 Wörter. Und wer weiß, wofür ich die noch brauchen könnte? Also schweige ich weiter. 

 

 

 

  • SZ_Kolumne
Kolumne zum Thema: Was wäre, wenn...

Irgendwo zwischen Utopie und Dystropie finden sich die Gedankenexperimente unserer neuen Kolumne.

Also - Was wäre, wenn...

... wir nur 4 000 Wörter pro Tag sprechen könnten? (von Lena Schneider)

 

  • Bild2
Nach sechs Jahren Französisch-Unterricht sollte man meinen, dass wir einen ausreichenden Wortschatz haben, um zwei ganze, französische Sätze nacheinander sprechen zu können. Dachten wir auch – bis wir tatsächlich mal in Paris waren.[...]

  • Frage_1

Nun hat ein neues Jahr mit neuen Erfahrungen, Zielen und selbstverständlich neuen Umfragen begonnen.

Passend zum Jahresbeginn setzen sich viele Menschen Ziele für das Jahr. „Motoren“ ,die sie erfolgreich durch das Jahr treiben. In unserer aktuellsten Umfrage wollten wir herausfinden, welche originellen Ideen und Vorsätze ihr dieses Jahr hattet und wie realistisch ihr diese bewertet. Dabei entstand ein sehr positives und überwiegend erfreuliches Meinungsbild, das ihr euch in Form von Diagrammen im Folgenden anschauen könnt. [...]

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