„Schlägst du den Taktstock in die Luft, passiert nichts; wendest du ihn aber in die Richtung des Orchesters, entsteht etwas Großartiges“

(Zitat Chefdirigent Württembergische Philharmoniker)

Einen kleinen Einblick in die Welt eines Orchestermusikers haben die Schülerinnen und Schüler des Grund- und Neigungskurses der Stufen 11 und 12 durch einen eintägigen Besuch der Württembergischen Philharmoniker in Reutlingen bekommen. Neben den Orchesterproben der „7. Sinfonie“ von Sergej Prokofjew und der „Der goldene Hahn Suite“ von Nikolai Rimski-Korsakow konnten sie unter anderem auch Fragen an die Musiker zu ihrem Berufs stellen.

Schüler: Wie kommt man überhaupt in so ein Orchester?

Orchestermitglied: Grundsätzlich kann man sagen, dass es relativ viele verschiedene Wege gibt, seinen Beruf als Musiker auszuüben. Wenn man, so wie ich, ins Orchester gehen möchte, funktioniert das über ein sogenanntes Probespiel. Das lässt sich vergleichen mit einem Vorstellungsgespräch, nur dass es mit dem Instrument stattfindet. Dieses Probespiel ist so ausgelegt wie ein Wettbewerb, in dem man sich um die ausgeschriebene Stelle bewirbt, wobei man noch 15 bis 25 Mitbewerber hat und es am Ende nur einen Gewinner geben kann.

Schüler: Muss ich studiert haben, um in so ein Orchester zu kommen oder geht das auch als "Amateur"?

Orchestermitglied: Theoretisch ja, praktisch eher nein. Das liegt daran, dass es je nach Instrument ca. 150 bis 250 Bewerber für eine Stelle gibt. Diese Interessenten kann man natürlich nicht alle anhören, das würde mehrere Tage dauern. Daher muss man bereits im Voraus eine Auswahl treffen, was bedeutet, dass 40 oder 50 Bewerber eingeladen werden. Von denen meldet sich meistens ungefähr die Hälfte zurück, wodurch dann 15 bis 25 Personen zum Probevorspiel kommen.

Um jetzt zu deiner ursprünglichen Frage mit dem Studium als Voraussetzung zurückzukommen, lässt sich sagen, dass man im Orchester eigentlich schon ein Studium voraussetzt. Da ist es sehr oft entscheidend, wer dein Musikschullehrer war und was du bereits für Kompetenzen hast.

Schüler: Und wie genau läuft ein Probevorspiel ab?

Orchestermitglied: Die Bewerber werden in der Regel zu einer bestimmten Zeit eingeladen. Wenn man an der Reihe ist, wird ein bestimmtes Programm abgeprüft, welches im Voraus vorbereitet werden musste und das auch immer gleich ist. Was dabei vielleicht neu für euch ist, ist der Punkt, dass das ganze Vorspiel hinter einem Vorhang stattfindet. Das liegt daran, dass somit ganz objektiv und nicht nach dem Äußeren bewertet wird.

Nach ungefähr eineinhalb bis zwei Stunden, wenn dann alle Bewerber fünf Minuten vorgespielt haben, beginnt die zweite Runde, in die nur vier bis fünf Bewerber weiter gelassen werden. Hier wird dann ein für das jeweilige Instrument anspruchsvolles Orchesterstück mit mehreren Solopassagen vor dem Orchester, also ohne Vorhang, vorgetragen. Danach wird dann von dem Orchester abgestimmt, wer das neue Mitglied wird und somit die Stelle erhält.

Schüler: Welche Musikgenres werden hier gespielt?

Orchestermitglied: Wir spielen eigentlich alles. Wir haben hier in Reutlingen zwei Konzertreihen, die eine ist eine reine „Sinfoniereihe“ und die andere ist die sogenannte „Kaleidoskopreihe“. Das ist so eine „Crossover-Reihe“, in der wir beispielsweise mit einer Big Band zusammen spielen. Aktuell hatten wir letzte Woche ein Konzert mit allen Hollywood Hits von John Williams und haben da ordentlich die Bude gerockt. Aber oft spielen wir an einem Tag Filmmusik, haben dann ein Tag Pause und spielen direkt am nächsten Tag ein Sinfonisches Konzert.

Schüler: Wie viele Konzerte habt ihr ungefähr im Jahr?

Orchestermitglied: 125. Und damit sind wir sehr sehr weit oben in Baden Württemberg. Beispielsweise haben die Stuttgarter Philharmoniker „nur“ 85 Konzerte obwohl sie ein größeres Orchester sind.

Schüler: Verdient beispielsweise die erste Violine gleich viel wie die dritte Posaune oder gibt es da Differenzen?

Orchestermitglied: In so einem Orchester gibt es genau festgelegte Gehaltstabellen und es kommt dabei ganz grob darauf an, wie viel man von dem Mitglied mitbekommt, also wie die Außenwahrnehmung im Konzert ist.

Schüler: Wie lassen sich Familie und Beruf als Musiker vereinen?

Orchestermitglied: Wir haben kein geregeltes Arbeitsleben als Musiker. Wir proben immer zu unterschiedlichen Zeiten und haben logischerweise auch kaum an den selben Tagen Konzerte. So kann es natürlich vorkommen, dass man zum Beispiel montags und dienstags frei, mittwochs Probe und ab Donnerstag in einer jeweils anderen Stadt ein Konzert hat. Deshalb braucht es, wenn man Kinder hat, ein möglichst flexibles Umfeld und viele Babysitter. Das ist aber auch eigentlich das einzige Problem bezüglich dieses Themas, die Familie gewöhnt sich irgendwann daran und die Kinder wachsen schließlich auch mit diesen ungeregelten Arbeitszeiten der Eltern auf.