• Ausgetickt
Ausgetickt 28./29./30.10.2016 

Vom Abnicken zum Austicken – eine Parabel auf das Schulleben?

Der Unterstufenchor des Gymnasiums Isny präsentierte im Rahmen von drei Vorstellungen das Musical „Ausgetickt? – Die Stunde der Uhren“ von Gerhard Meyer und Gerhard Weiler. Die zahlreichen Zuschauer belohnten die außerordentlichen Leistungen aller Teilnehmer mit begeistertem Applaus und entließen die jungen Gymnasiasten in die wohlverdienten Herbstferien.

Mal ehrlich: Wer steht schon gerne in aller Herrgottsfrühe auf, um zur Arbeit zu gehen? Antwort: weder Schüler noch Eltern und ja: nicht einmal Lehrer! Insofern sprach die Eingangsszene des Musicals „Ausgetickt?“, in der zwei lärmende Wecker ein süß schlummerndes Schulkind aus den Federn klingeln, wohl nahezu allen Anwesenden aus dem Herzen. Das Publikum in der Aula des Gymnasiums war im Nu gewonnen, die einstündige Fantasiereise in die „Uhrwelt“ konnte beginnen.

„Sekunden zerhacken, Minuten zerknacken“ – die rund 40 jungen Choristinnen und Choristen aus den Klassen 5 bis 7 gaben Ton und Takt vor und unterstützten die solistischen Auftritte der ganz besonderen Uhren. Herrscherin der Uhrenwelt ist die selbsternannte Superuhr, sie fordert kategorisch: „Uhren müssen spuren!“, und zunächst machen alle treubrav mit. Aber allmählich erwacht der Widerstandsgeist im Uhrenland. Unter der Führung von Sonnenuhr und Spieluhr setzt sich die Ansicht durch, dass es Wesentlicheres im Leben gibt als Hetze im Takt der Zeit: Liebe zum Beispiel oder Freundschaft. Wer „austickt“, kann Gefühle, kann Freiheit erleben. So bekommt das titelgebende Wort „austicken“ eine völlig neue, jetzt positive Bedeutung. Dass den jungen Darstellern diese Idee gefiel, konnte man an ihren begeistert leuchtenden Augen ablesen, auch wenn die „große Bühne“ dem ein oder anderen doch ein wenig zu viel Respekt abnötigte.

Dass die Idee und die Handlung des Musicals die Jugendlichen auf spielerisch-musizierende Weise an „zeit-kritisches“ Denken heranführt, ist zweifelsohne ein großer Gewinn. Wo Melodie, Harmonie und Rhythmus einen Weg zu tieferen und nachhaltigeren Erfahrungen bahnen, ist wohl weit mehr gewonnen als in jeder gewöhnlichen Unterrichtsstunde. Wahrscheinlich war vielen Akteuren gar nicht bewusst, wie virtuos und vielseitig hier mit Sprache und Musik gespielt wurde. Aber egal, Erkenntnis ging einfach direkt ins Blut. Kurz: erlebendes Verstehen, didaktisch wertvoll, ohne weisenden oder warnenden Zeigefinger! Was will man mehr?

An dieser Stelle gebührt den betreuenden Lehrerinnen und Lehrern höchstes Lob! Nicht nur die Auswahl gerade dieses Singspiels, sondern die rechte Balance zwischen Steuern und Geschehen-Lassen sowohl während der Proben als auch während der Aufführungen führten zu einem rundum geglückten und für alle Beteiligten beglückenden Gesamtresultat. Einfühlsam begleiteten Tanja Kurz und Stefan Deuschle von ihren Klavieren aus das Geschehen, taktgebend unterstützt von Hannes Bummele am Schlagzeug. Mit Kompetenz und Vehemenz wirkten Sebastian Kaufmann, Emily Hehl und ihre hurtigen Helfer aus dem Hintergrund, um den Schülerinnen und Schülern, die im Rampenlicht standen, ein Höchstmaß an Ton und Ausdruck zu entlocken. Bühnenbild und Kostüme, gestaltet und gefertigt unter Leitung von Ann-Katrin Lenke, bestachen durch den wohldosierten und wohlüberlegten Einsatz verschiedenster Formen und Farben.

Was bleibt, nachdem es sich für den Unterstufenchor nun ausgetickt hat? – Sicher: viele tolle Erinnerungen, aber vielleicht auch dies: Ja, Uhren müssen spuren; Jugendliche allerdings sollten nicht alles abnicken, sondern müssen bisweilen austicken. Aber bitte, liebe Schülerinnen und Schüler, unter Berücksichtigung von Ton und Takt – wie in dieser „Stunde der Uhren“!