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18. Juli 1816, 11 Uhr vormittags:

„Vor der Westküste Afrikas entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floss. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen…                                 

die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben.                                                                                                                                                         Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt.“

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In Franzobels Roman „Das Floss der Medusa“,  2017 im Paul Zsolnay Verlag erschienen, bildet diese historische Schiffskatastrophe im Jahre 1816 das Fundament für ein unglaubliches Werk, das den menschlichen Überlebenstrieb, den Wert des Lebens und das Mensch-Sein an sich auf einem manövrierunfähigen Floß im Ozean demonstriert. Dieser rund 600 Seiten umfassende Roman ist ein weiteres Buch des erfolgreichen österreichischen Schriftstellers, der unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann- und dem Arthur-Schnitzler-Preis ausgezeichnet wurde.

Als die Fregatte Medusa mit ihren Begleitschiffen aus dem Hafen in Rochefort ausläuft, ahnt noch keiner der Passagiere etwas von der bevorstehenden Katastrophe. An Bord sind die unterschiedlichsten Personen aus den unterschiedlichsten Schichten, die aber alle in den Senegal wollen, um diese ehemalige französische Kolonie wiederzubeleben. Unter ihnen befinden sich der unfähige Kapitän Chaumareys, der sich als Royalist seinen Posten erschlichen hat, der zweite Schiffsarzt Savigny, der leidenschaftlich gerne Menschen seziert, der stämmige Matrose Hosea Thomas und der aus wohlhabendem Hause entlaufene Victor.  Vor allem aus dessen Sicht wird direkt am ersten Tag an Bord klar, dass dieser Roman nichts für zart besaitete Gemüter ist, da Victor mit dem sadistischen Smutje und dessen Herdplatte Bekanntschaft macht und nur mit Hoseas Hilfe überlebt. Das Schiff stellt sich für Victor, aber auch für andere sehr schnell als ein Ort der Unmenschlichkeit und der fehlenden Moral heraus, an dem jeder für sich selbst kämpft und an dem die christliche Nächstenliebe ein Fremdwort ist. Genau diese Einstellung wird wieder aufgegriffen als der völlig unfähige, an Reizdarm leidende Kapitän das Schiff, trotz aller Warnungen auf die Arguin-Sandbank festsetzt.

Im Folgenden spielt sich ein Szenario der Grausamkeit und Unmenschlichkeit ab, das in Kannibalismus mündet und die Schattenseiten der Menschen aufwirft.

Wie bereits erwähnt, schafft es Franzobel erstklassig, diese Abscheulichkeiten und Grausamkeiten zu schildern. Man fühlt sich als Leser dieser ungerechten Behandlung an Bord ausgesetzt und entwickelt eine gewisse Wut auf den unfähigen königstreuen Kapitän und seine Berater, die das Schicksal von 147 Menschen zu verantworten haben.                                                                                        

Im Gegensatz dazu steht der wiederum auch witzig-sarkastische Schreibstil des Autors, der die gesamte Erzählung auflockert und Lichtblicke aus diesem sonst so dramatischen Ereignis bietet, was das Werk umso ansprechender macht. Der Roman lebt vor allem von seinen vielen Haupt- und auch Nebencharakteren, die Franzobel vielseitig und interessant erschafft und darstellt. 

Meiner Meinung nach ist das Buch definitiv lesenswert, da der Autor es schafft auf außergewöhnliche Art und Weise Komödie und Tragödie durch verschiedene Figuren zu verkörpern und in der Geschichte zu verknüpfen. Auch bei seiner Autorenlesung im Refektorium im Schloss hat Franzobel sehr mit seiner Vorstellung und seiner Persönlichkeit überzeugt. Auf Fragen hat er teils sehr tiefgründig, teils aber auch mit Witz geantwortet, was bei den Schülern sehr gut angekommen ist.                

Ich bin auch davon überzeugt, dass dies nicht nur ein langweiliges historisches Werk für ältere Menschen ist, sondern sehr wohl auch von Schülern oder Jugendlichen gelesen werden kann, die bereit sind, sich auf diesen besonderen Roman einzulassen.                                       

Der Autor hat hiermit die über 200 Jahre alte Schiffskatastrophe für den heutigen Leser aufgearbeitet und greifbar gemacht. Außerdem ist die Geschichte ziemlich aktuell, da viele der Flüchtlinge, die heute bei uns ankommen, ähnliche Überfahrten im Mittelmeer auf völlig überfüllten Schlauchbooten ertragen mussten.                                                                                                                                                                                 

Das Buch liefert allerlei Denkanstöße oder auch Antwortmöglichkeiten auf Fragen, wie:                                                                  

Was macht uns zu Menschen?

Wie können wir derartige Katastrophen heutzutage verhindern?  

Was bedeuten Moral und Zivilisation in Extremsituationen, in denen es ums bloße Überleben geht?                                                                                 

Was ist der Preis des Überlebens?

 

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